Literaturempfehlungen
Kleine Geschichte von Behandlung im weiteren und engeren Sinne
Die Erkenntnis, dass sich Menschsein notwendig in dem Modus seiner Selbst- und Fremdbehandlung, auf Gedeih oder Verderb, konstituiert, macht darauf aufmerksam, daß die Frage der richtigen und falschen Behandelbarkeit von Welt (Natur, Gesellschaft, Menschen) ist so alt wie die Menschheit selber. Die Motivlage für die Notwendigkeit von Behandlung ist bis heute die gleiche geblieben. Wie ursprünglich, geht es auch heute um die Bewältigung existentieller Verunsicherung, die sich im eigenen (mehr oder minder unbewußten und externalisierten) Angstaufkommen zeigt und in der Bewußtheit, als Mensch in die Kategorie der instinktungeborgenen Mangelhaftkeit gestellt zu sein, wahrgenommen wird.
Waren es in der Frühzeit der Menschheitsentwicklung noch die Möglichkeiten Ängsten und Gefahren mittels Naturmagie bannen zu können, so ging es später um die Kollektiv- und Selbstsicherung (im Sinne einer Angstmanagements) durch Mythos/Religion. Noch später ging es in der Wendung vom Mythos zum Logos (Wilhelm Nestle, 1940) zu einer rationalen Welterklärung und damit zu erweiterten Verfügbarkeit in Behandlungssachen und letztlich verbesserter Angstreduzierung. So differenzierten sich allmählich verschiedene Behandlungstypen bzw. Behandlungswissenschaften im weiteren Sinne wie Philosophie, Theologie, Physik, Medizin heraus. Nachdem die Behandlungsmöglichkeiten der äußeren Verhältnisse (Natur, Maschinen) durch Physik, Medizin etc. ihren Siegeszug angetreten hatten und geradezu in eine Art Verliebtheit in die Selbstverständlichkeit eigener Behandlungspotenzen und damit eine Berauschung über die eigene narzißtische Selbsterweiterung mündete (s. 50-iger Jahre: Atombombe, Atomantriebe, Atomuhren), hinkten die Behandlungsmöglichkeiten innerer Welten und Verhältnisse, trotz ihrer Gralshüter in Form der Theologie und Philosophie, hinterher. In die hier entstandenen ?Marktlücke? fand die Psychologie ihren legitimierten Ansatzpunkt. Dieses könnte als die Wende vom Logos zum Psycho-Logos genannt werden. Und, so konnte beobachtet werden, entstand, wenn auch keimhaft und schleichend, die Wissenschaft der Psychologie, die mit ihrem, an dem Modell der vorhergehenden Wissenschaften geschultem Blick zur Frage der wissenschaftlichen Welterklärung die Möglichkeiten einer immer spezifischeren Behandelbarkeit des Menschen nunmehr systematisch erforschte Behandlung im engeren Sinne.
Insbesondere die Entwicklungen in der Psychoanalyse, die ihre am Psychischen bzw. am Fall entwickelten Verstehens- und Behandlungsmöglichkeiten eindrucksvoll vorexerzierte, kam es zu einer bis heute beachtlichen psychologischer Behandlungskompetenz. Wenn auch im Gegenlauf, so doch nicht minder eindrucksvoll gesellte sich die Lerntheorie mit ihren verhaltenstherapeutischen Behandlungssystemen erfolgreich zur Seite. Diese gewachsene Behandlungsunerschrockenheit ließ allmählich eine Art Behand-lungsoptimismus blühen und zusehends den Blick für die Grenzen eigener Behandelbarkeit aus dem Blick rutschen.
Die latente Behandlungspropaganda, d.h. sowohl von Seiten der Behandler (Den halte ich für behandelbar) als auch von Behandlungslaien (Der müßte unbedingt behandelt werden) erfreute sich an einer Heilsgewissheit und Heilszuweisung an die klinische Psychologie Alles und Jedes und zwar eben nicht nur äußerlich in Griff bekommen, sprich klinisch behandeln zu können. Gerade die uns hier besonders interessierende Klientel der Straffälligen dämpfte allmählich die Behandlungszuversicht und stellte sie unter den Begrifflichkeiten von Borderline-Persönlichkeitsstruktur, narzisstischer Persön-lichkeitstypus, dissoziale und antisoziale Persönlichkeitsstörungen, Trauma, Perversion, Psychopathie auf eine neue, schwere Probe. Nicht selten schwang dann die Reflektion von Behandlungsmöglichkeiten in einen Behandlungs-pessimismus um, wie etwa in der Formel ?nothing works? zugespitzt formuliert. Die aus dieser Not geborene neue kleinrevolutionäre Frage, wer denn und wie noch behandelbar sei, versuchte eine sich schleichend zu etablierende. latente depressive Krisenstimmung in Sachen Behandelbarkeit zu überwinden. In diesem Sinne folgt diese Neuprüfung dem Prinzip die Veränderung beginnt im Therapeuten (something works) und meint den Umschwung von (verzagter) Selbstbehandlung in gute Konzepte einer Fremdbehandlung, also realitätsangemessene Behandlung, hier vor allem der von Straffälligen.
Peter Daniel
________________________________________
Nestle, W. (1940): Vom Mythos zum Logos. Stuttgart
Maisch, Herbert (2007): Das Unverstehbare verstehen.
Acht forensisch-psychologische Täterbegutachtungen im Strafprozess. Herausgegeben von RODE, I.A., JACOBS, G., Psychosozial-Verlag Gießen.
Rezension: Peter Daniel
Das Buch enthält Auszüge aus den Gutachten des forensischen Psychologen Herbert Maisch (1928-1997), in denen er Delikte wie Partnertötungen, Rivalentötungen, sexuell motivierte Tötungen und Kindstötungen psychologisch analysiert und mit strafrechtlich relevanten Fragen verknüpft. Ergänzt werden die Gutachten durch ein Nachwort des Strafverteidigers Heinrich Hannover, biographische Angaben zu H. Maisch, sowie Auszüge aus einem Interview mit ihm aus dem Jahre 1986, in dem er zu zentralen Fragen der Rechtspsychologie Stellung nimmt.
Empfehlung: Peter Daniel
H. Maisch studierte Germanistik und Theaterwissenschaften, war jahrelang als Schauspieler und Regisseur tätig und arbeitete nach einem Psychologiestudium als klinischer Psychologe in der Kinderklinik des Universitätskrankenhauses Eppendorf in Hamburg. Seit 1971 war er in eigener Praxis und bundesweit als Gerichtsgutachter tätig. Da in der Darstellung auf psychologische Termini weitgehend verzichtet wird, liest sich das der psychodynamischen Darstellung nahestehende Buch recht flüssig. Es beeindruckt überdies durch seine differentiell-psychologische Schärfe. Gerade weil ausschließlich auf Tötungsdelikte Bezug genommen wird, berührt es sowohl durch einen humanen Umgang mit den Straftätern als auch durch einen empathischen Respekt, mit dem Maisch das ?Fallmaterial? sprechen lässt.
Empfehlenswert!
Rauchfleisch, U. (2008): Psychodynamisch orientierte Arbeit mit Straftätern.
In: Schmidt-Quernheim, F., Hax-Schoppenhorst (2008): Professionelle forensische Psychiatrie. Behandlung und Rehabilitation im Maßregelvollzug (S. 175-181). Huber, 2. Aufl.
Empfehlung: Peter Daniel
Als ausgewiesener Kenner und Modulierer eines systematischen (psychoanalytischen) Verstehens von Kriminalität und Straffälligen legt Rauchfleisch hier ein Konzentrat seiner langjährigen Arbeit unter dem Stichwort Psychodynamische Arbeit vor. Hierbei erörtert er Aspekte wie die Frage der Behandlungs- und Mitarbeitsmotivation, aggressives Verhalten und Impulsivität, anklammerndes und entwertendes Verhalten gegenüber Professionellen und Fallstricke in der Begleitung straffälliger Menschen. Das letztgenannte Kapitel gibt auch wesentliche psychohygienische Leitlinien an die Hand, die zu beherzigen dem Professionellen eine echte Hilfe in der schwierigen Arbeit mit einem schwierigen Klientel sein können.
Pfäfflin, F., Fontao, M.I., Ross, Th. (2008): Behandlung von Persönlichkeitsstörungen im Maßregelvollzug. Stand der Forschung.
In: Schmidt-Quernheim, F., Hax-Schoppenhorst (2008): Professionelle forensische Psychiatrie. Behandlung und Rehabilitation im Maßregelvollzug (181 ff.). Huber, 2. Aufl.
Empfehlung: Peter Daniel
Der Beitrag gewährt einen vertiefenden Ein- und Überblick in den Forschungsstand zum Thema Persönlichkeitsstörungen, der nicht nur für den Maßregelvollzug von Interesse sein dürfte.
Gerd Rudolf (2004): Strukturbezogene Psychotherapie. Leitfaden zur psychodynamischen Therapie struktureller Störungen.
Stuttgart: Schattauer
Rezension: Peter Daniel
Eine breite Würdigung durch alle, die im vollzuglichen Bereich mit der komplexen und schwierigen Klientel der wegen krimineller Taten Einsitzenden sowohl diagnostisch, als auch behandlerisch im weitesten Sinne zu tun haben, ist dem Buch "Strukturbezogene Psychotherapie" von Gerd RUDOLF zu wünschen, dass bereits 2004 erschienen ist und mittlerweile in einer zweiten, erweiterten Auflage vorliegt.
Gerd Rudolf, von Hause aus Psychoanalytiker, Obergutachter und Mitbegründer der Operationalisierten Psychodynamischen Diagnostik (OPD), der über Jahrzehnte lange praktische Erfahrungen in der Diagnostik und Behandlung von sog. früh Gestörten verfügt, fasst in seinem Buch die Forschungsergebnisse der letzten Jahre aus den Bereichen u. a. der psychoanalytischen Erkenntnisse über Grundstörungen, Emotionsforschung, OPD, Säuglingsforschung und Bindungstheorie zusammen und legt, als Destillat, ein auf die Gruppe von Grundstörungen zugeschnittenes und stringent durchgeformtes Behandlungskonzept eigener Prägung vor. Neben einer Fülle von inhaltlichen Hinweisen hat sein Buch den besonderen Wert darin, dass er dem Praktiker konkrete und strategische Hilfestellungen für die behandlerische Arbeit mit Ich-strukturell gestörten Persönlichkeiten bereitstellt.
Zur weiteren inhaltlichen Erörterung des Buches verweise ich auf die folgende ausführliche Rezension von Kurt Eberhard 2004 (in: Arbeitsgemeinschaft für Sozialberatung und Psychotherapie, AGSP 2004)
Heidi Möller: Verführen, Belügen, Manipulieren. Zur Psychopathologie des Betrügers.
Persönlichkeitsstörungen 2009; 13: 241-247
Empfehlung: Peter Daniel
Schlüsselwörter: Betrüger, narzisstische Persönlichkeitsstörung, Totale Institution
Zusammenfassung: Ausgehend von einer Phänomenologie der Betrüger wird in diesem Beitrag ein explorativer Versuch einer Ätiologie der Persönlichkeitsstörung dieser Tätengruppe vorgenommen. Die Kunst der mimetischen Anpassung an ihre Opfer wird entwicklungspsychologisch hergeleitet. Implikationen für eine Psychotherapie mit Tätern dieser Deliktgruppe in der Totalen Institution Gefängnis werden skizziert.
Lackinger, F., Dammann, G., Wittmann (2008): Psychodynamische Psychotherapie bei Delinquenz. Praxis der Übertragungsfokussierten Psychotherapie.
Rezension: Peter Daniel
Die Autoren stellen, wenn auch stringent unter dem Gesichtspunkt der ÜFP, auf 472 Seiten wesentliche Grundzüge der Struktur und Dynamik von Kriminalität ausführlich dar. Das Spektrum der Darstellung reicht von Diagnostik und Indikation, Rahmenbedingungen und Vereinbarungen, therapeutischem Prozess, zur Dynamik von Perversion und Übertragung, Grenzen der Behandelbarkeit, stationäre Anwendungen, komplementäre therapeutische Ansätze, empirische Befunde bis zu einer Synopsis als einem Vergleich mit anderen Therapieverfahren, Fragen und Indikation, und Modifikationen im forensischen Kontext. Sowohl klassische als auch moderne Konzepte zum Verstehen und zur Behandlung von Straffälligen finden breite Berücksichtigung, z.B. Konzepte der Antisozialität im Werk von Kernberg; Fonagys Mentalisierungskonzept und Delinquenz, OPD, AAI, Verbrecher aus Schuldgefühl? usw. Ein für jeden Therapeuten, der im Bereich der Behandlung von Delinquenten zu tun hat, unbedingt empfehlenswertes, weil ungemein bereicherndes Buch. Überdies ist es didaktisch sehr übersichtlich aufgebaut und enthält ein ausführliches Sachregister.
Zeitschriften
Forensische Psychiatrie, Psychologie, Kriminologie
Empfehlung: Peter Daniel
Herausgeber
Priv.-Doz. Dr. phil. Klaus-Peter Dahle Institut für Forensische Psychiatrie Charite - Universitätsmedizin Berlin Limonenstraße 27, 12203 Berlin, Germany;
Prof. Dr. jur. Dieter Dölling Institut für Kriminologie Juristische Fakultät Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg Friedrich-Ebert-Anlage 6-10, 69117 Heidelberg, Germany;
Prof. Dr. med. Hans-Ludwig Kröber Institut für Forensische Psychiatrie Charite - Universitätsmedizin Berlin Limonenstraße 27, 12203 Berlin, Germany;
Prof. Dr. med. Norbert Leygraf Institut für Forensischen Psychiatrie Rheinische Kliniken Essen
Kliniken der Universität Duisburg-Essen Virchowstraße 174, 45174Essen, Germany;
Prof. Dr. med. Henning Saß Ärztlicher Direktor Universitätsklinikum Aachen Pauwelsstraße 30
52074 Aachen, Germany;
Wissenschaftlicher Beirat
W. Berner, Hamburg; T. Bliesener, Kiel; R. Deckers, Düsseldorf; E. Habermeyer, Rostock; J.-M. Jehle, Göttingen; G. Köhnken, Kiel; F. Lösel, Cambridge; J. Müller, Göttingen; R. Müller-Isberner, Haina; N. Nedopil, München; W. Pfister, Karlsruhe; H. Schneider, Karlsruhe; H. Schöch, München; D. Seifert, Essen; M. Steller, Berlin; R. Volbert, Berlin; T. Wolf, Marburg;
Die Forensische Psychiatrie, Psychologie, Kriminologie versteht sich als Forum für die wissenschaftliche Erörterung der Ursachen und Folgen von Straffälligkeit. Im Zentrum steht dabei die Frage, wie die Beziehung ist zwischen Personen, sozialem Umfeld und Delinquenz. Dabei geht es um Strafverfolgung, Intervention und Prävention.
Die Forensische Psychiatrie, Psychologie, Kriminologie wendet sich an
forensische Psychiater und Psychologen, die in Gerichtsverfahren oder im Straf- und Maßregelvollzug diagnostisch oder therapeutisch tätig sind, Kriminologen in Forschung und Praxis, Richter, Staatsanwälte, Strafverteidiger und Strafrechtslehrer, Bewährungshelfer, Sozialarbeiter, Sozialpädagogen und Erzieher im Straf- und Maßregelvollzug, Kriminalbeamte und Kriminalisten.
Die Forensische Psychiatrie, Psychologie, Kriminologie bietet in ihren Rubriken die Auseinandersetzung zu Fragen der Schuldfähigkeitsbeurteilung, der Rechtsfolgenfestsetzung, der Verlaufsforschung bei unterschiedlichen Tätergruppen und zu den methodischen Problemen der Kriminalprognose. Sie informiert über Ergebnisse aussagepsychologischer Forschung, sowie über Ergebnisse der Evaluation von therapeutischen und sozialpädagogischen Maßnahmen.
Die Forensische Psychiatrie, Psychologie, Kriminologie möchte zum interdisziplinären Dialog auffordern zwischen den Rechtswissenschaften auf der einen und den psychiatrisch-psychotherapeutisch-psychologisch-kriminologisch tätigen Disziplinen auf der anderen Seite. Dabei geht es um die Entwicklung und Diskussion neuer Konzepte, sowie um die Förderung und Sicherung der Qualität der forensischen Begutachtung, der Täterbehandlung und des strafrechtlichen Umgangs mit delinquent gewordenen Menschen.
ISSN 1862-7072
Erscheinungsweise: 4 Hefte pro Jahrgang
Abonnement 2008 inkl. Online-Zugang:
EUR 195,- (Preis für persönliche Abonnenten),
EUR 345,- (Institutspreis)
Die Ausgabe 1/2011 der Fachzeitschrift Persönlichkeitsstörungen (PTT) macht das Thema Antisoziale Persönlichkeitsstörung zum Schwerpunkt. Dabei werden u.a. sowohl genetisch neuroanatomische Korrelate von antisozialem und kriminellem Verhalten, als auch Differenzialtypologie aggressiver Persönlichkeiten wie auch Fragen der stationären und sozialtherapeutischer Behandlerbarkeit von Delinquenten erörtert.
Empfehlung: Peter Daniel
